Es ist schwer zu sagen, wer damit begonnen hat. Irgendwann kam ein Verein auf die Idee, in der Adventzeit Punsch auszuschenken und sich mit dem Erlös finanziell zu sanieren. Das Modell machte Schule, und so gibt es heute zahlreiche Möglichkeiten, von einem kleinen Stadtbummel alkoholisiert nach Hause zu kommen. Aber das wird durchwegs toleriert, denn man trinkt ja für einen guten Zweck. Man geht eben …

CHARITY-TRINKEN (aus dem Buch 'Auch Engel lachen gerne')

Es war ein kalter Dezemberabend, Weihnachtsbeleuchtungen erhellten die Straße, und über allem lag ein betörender Duft von Alkohol und Punschgewürzen. Überall dort, wo der Duft herkam, stand eine Traube von Menschen, die sich an den heißen Bechern die Hände wärmten.
Obwohl es nur eine kleine Stadt war, gab es hier eine ganze Reihe von Punsch- und Glühweinstandeln. Herr Franz war auf dem Heimweg von der Arbeit gleich beim ersten hängen geblieben.
„Euer Punsch is wirklich der allerbeste!", sagte er zu den zwei Männern im Feuerwehrhüttel. „Bei euch merkt man, dass ihr Erfahrung habt's mit'm Feuerwasser und mit'm Löschen vom Durscht!"
„Schön, dass d' vorbei schaust!", brummte der Kommandanten-Stellvertreter. „Weil es geht ja net nur um's Punsch trinken, sondern a um an guten Zweck. Charity, wie ma so sagt!"
„Ja, nur muss i leider bald wieder geh'n, weil wir heut Theaterkarten ham, und mei Frau bestimmt schon auf mi warten wird!"
Herr Franz trank genüsslich sein Heferl aus, holte sich den Einsatz zurück und ging.
„Servas Franz!", rief da einer aus dem gegenüber liegenden Punschstandel vom Roten Kreuz heraus.
„Was soll des haßen? Bei der Feuerwehr saufst di an, und bei uns gangerst vorbei? Wir sammeln heuer für a neues Rettungsauto!"
„Euer Punsch is wirklich super!", stellte Herr Franz einige Minuten später fest. „Da merkt ma glei, dass ihr genau wisst's, wie ma Halbtote wieder ins Leben z'ruckholt!"
Etwas zu schnell leerte er seinen Becher und machte sich erneut auf den Weg.
Kaum war er ein paar Schritte gegangen, als ihn auch schon ein Ruf aus der Punschhütte des Fußballvereines ereilte.
„Franzl, alte Hütten! Was is? Mir spar'n auf a Flutlichtanlage, und du glaubst, du kannst di drucken?"
„I kann jetzt net! I hab daham a Theater, wo mei Frau mit die Karten auf mi wart!"
„Aber aner is immer no gangen! Kannst du des verantworten, dass unsere Fußballer im Dunkeln spielen und sich über'n Balln derstessen?", mahnte der Vereinsobmann.
„Die derstessen sich a beim Tageslicht. Außerdem hab i schon g'sagt, es geht jetzt anfach net!", beharrte Herr Franz.
„Schbitze!", sagte er, nachdem er den ersten Schluck gemacht hatte. „Euer banschter Bunsch is wirklich der überdrüber! Da merkt ma glei, dass ihr was versteht's von an urndlichen Schuss Obstler ins Dor, oder so!"
Herr Franz sah auf einmal nicht nur zwei Fußballvereinsobmänner, sondern auch die Aussichtslosigkeit seiner Lage.
Da gab es noch so viele Standeln, wo man Gutes tun musste! Bei den Lions, den Rotariern, den Kiwanis-Leuten, beim Kulturverein und bei der Selbsthilfegruppe für Punschopfer. Und mittendrin stand seine Ehefrau in drei- oder vierfacher Ausführung, und alle verlangten sie das sofortige Nachhausekommen.
„Gerlinde! Wie hast du mich gefunden?", rief Herr Franz, aber da hatten ihn die Ehefrauen schon davon geschleppt.
Es gibt eben Leute, die haben kein Herz für gemeinnützige Organisationen!