Buchautor, Liedermacher und Kabarettist
PETER MEISSNER

Bestimmt kennen Sie diese Träume. Man möchte flüchten, und die Füße sind

schwer wie Blei. Oder man will irgendwo bleiben und wird von einer Kette

schicksalhafter Ereignisse immer weiter fort getragen. Hier ist eine …

ODYSSEE MIT DEM SALZSTREUER (aus dem Buch 'Der Un-Ernst des Lebens')

Ich saß damals mit meiner Frau im Gasthaus. Der Kellner servierte die Suppe, und

wir stellten fest, dass diese zu wenig gesalzen war. Da sich kein Salzstreuer auf

unserem Tisch befand, ging ich zum Nebentisch, um von dort einen zu holen und

bemerkte bei dieser Gelegenheit, dass hier jemand seine Geldbörse liegen gelassen

hatte. Ich zeigte sie dem Kellner. Der deutete aus dem Fenster, und ich verstand,

dass der Besitzer der Börse gerade zur Bushaltestelle auf der gegenüberliegenden

Straßenseite gegangen war.

Also stürzte ich aus dem Gasthaus und kam gerade noch zurecht, als der Bus

einfuhr. Ich folgte dem Geldbörsenbesitzer ins Innere des Wagens, und bevor ich ihn

im dichten Gedränge erreichen konnte, hatten sich hinter mir die Türen geschlossen.

Ich übergab die Börse und wartete darauf, den Bus in der nächsten Haltestelle

wieder verlassen zu können. Dort allerdings stiegen fast alle Fahrgäste auf einmal

aus, und entstand ein Menschenstrom, von dem ich unweigerlich in den Eingang

des Stadtsaals geschwemmt wurde.

Ob ich wollte oder nicht befand ich mich plötzlich in der Filmpremiere eines

aufwendigen 3-D-Dokumentarstreifens über den Dschungel des Amazonas.

Am Ende gab es eine Überraschung. Unter den Besuchern der Vorstellung wurde

ein Flug nach Brasilien verlost, und ich war der glückliche Gewinner.

Unter frenetischem Applaus wurde ich in ein Taxi verfrachtet, zum Flugplatz

gefahren und mit vielen guten Wünschen verabschiedet.

Während des Fluges drückte irgendetwas in meiner Hosentasche. Es war der

Salzstreuer, auf den meine Frau vielleicht heute noch wartet. Oder warten würde,

wenn die ganze Geschichte wirklich so geschehen wäre. In Wahrheit habe ich aber

gelogen, denn in meiner Hosentasche befand sich der Pfefferstreuer.